Mythology

Schildkröten in der Mythologie


Die vielen sehr unterschiedlichen Arten von Schildkröten, ganz besonders aber die Landschildkröten, haben im Laufe der Menschheitsgeschichte unzählige Legenden, Bräuche und mythische Symbole entstehen lassen. Hauptursache dafür war der un-gewöhnliche Knochenpanzer der Tiere, der sie geschützter, überlebenssicherer als alle anderen Lebewesen machte. Daraus resultierte automatisch ein längeres Leben ohne Angst, in Zufriedenheit und Gemütlichkeit – zumindest sah und sieht das so aus, wenn man Landschildkröten in der Natur oder seinem Garten beobachtet.

Dieses fast neidische, vergleichende Wunschdenken der Menschen beim Anblick von Tieren setzte schon vor tausenden von Jahren ganz natürlich ein und verstärkte sich mit der Zeit. Welches Kind hat sich nicht schon einmal gewünscht, wie ein Fisch schwimmen zu können? (Tatsächlich gibt es übrigens auch Weichschildkröten, die über kurze Strecken schneller als Fische sind!)

Wir wollen hier einige Beispiele bringen, die Schildkröten weltweit fast ebenso be-kannt machten, wie die sogenannten Haustiere, aber darüber hinaus sogar, dank ih-rer besonderen Eigenschaften, in der Mythologie asiatischer und südamerikanischer Völker einen festen Platz fanden.

Ähnlich der Bedeutung der Taube im Christentum (siehe die Legende von der Sintflut und der Arche Noah im AT) ist die der Schildkröte im Hinduismus. Daher entstand der hohe Bekanntheitsgrad dieser Tierart im asiatischen Raum schon über tausend Jahre vor der Entstehung des Christentums.

Das heutige Stammland der Hindus ist Indien. Aber vor über 3000 Jahren war deren asiatische Religion viel weiter verbreitet und in allen Nachbarländern bekannt. Infol-gedessen rückte auch die Schildkröte weit mehr in das Bewusstsein und den mytho-logischen Blick der Menschen als normalerweise.

Auch heute lernen noch alle Grundschüler in Indien, dass sich einer ihrer mächtigs-ten Götter, nämlich Vishnu, zunächst in einen Fisch, und danach in eine Schildkröte (indisch Kurma) verwandelt hat. Das wird als ein Vorgang erweiterter Erkenntnis ge-deutet, denn Schildkröten sind nicht nur im Wasser zuhause, sondern auch auf dem Lande. Und dort können sie sogar dank ihrem Knochenpanzer Steinschlägen wider-stehen. Das war für die Lebewesen der Frühzeit das Schlimmste, was sich die Men-schen vorstellen konnten. Demzufolge leben und lebten die Schildkröten auch länger (wenn auch nicht alle ihre Unterarten, wie wir wissen), als die allermeisten anderen Lebewesen.

Außerhalb Indiens bzw. dem Hinduismus, hat die Schildkröte keine spezifisch religiö-se, sondern nur noch mythische, legendäre oder traditionelle Bedeutung, mehr als ihr rein biologisch oder wirtschaftlich zukommen würde.

Eng verwandt mit dem Hinduismus ist der Buddhismus. Er kennt weder Götter noch Heilige, aber auch die Inkarnation (Seelenwanderung), und zwar für alle Menschen. Die Seele eines Buddhisten schlüpft angeblich nach seinem Tode in den Körper ei-nes anderen Lebewesens. Damit ist eine Wertung seines vorherigen Lebens verbun-den: Nur relativ wenige Menschen haben die Chance, auch als Mensch wiedergebo-ren zu werden. Die meisten menschlichen Seelen landen – je nach Güte ihres voll-endeten körperlichen Lebens – in einem mehr oder weniger angesehenen Tier!

Jeder gläubige Buddhist macht sich ein Leben lang Gedanken darüber, welchen Körper seine Seele nach seinem Ableben wohl zugewiesen bekäme. Das Ziel wäre die endgültige Erleuch- tung, wie sie Buddha zuteil wurde. Das zu erreichen, hält wohl jeder für utopisch. Aber wenn man es auch nicht zu einem wohlhabenden Menschen schafft, dann we-nigstens zu einem angesehenen Tier – und da wäre das Fortleben der Seele in einer Schildkröte bei all den Sünden, die man als Mensch begangen hat, eine wün-schenswerte Inkarnation für viele Buddhisten.

In diesem Zusammenhang muss auch gesehen werden, dass es in Bangkok ein Schildkröten-Kloster gibt. Auf seinem Freigelände mit großem Teich leben tausende von Schildkröten verschiedener Art, die von den Mönchen gefüttert, aber leider nicht ausreichend gepflegt werden können. Seit Jahrhunderten hält sich in Thailand der Glaube, man könne schlechte Gedanken, Krankheiten und familiäre Probleme in ei-ne gut gewählte Schildkröte hinein meditieren, um sie dann auszusetzen und seine Sorgen auf diese Weise los zu werden. Ähnliches machen übrigens auch viele Chi-nesen mit Vögeln. Auf asiatischen Märkten findet man häufig Verkaufsstände, auf denen solche Tiere ähnlich Arzneimitteln verkauft, aber nie gegessen werden (und ohnehin nicht schmecken würden!).

Wer eine Schildkröte in Thailand findet, mit einem Leukoplaststreifen auf dem Pan-zerrücken, auf dem sich unbekannte Schriftzeichen befinden, der kann sicher sein, es mit einer „Meditierten“ zu tun zu haben. Ein Buddhist würde sie sofort wieder aus-setzen – oder vielleicht ins Kloster bringen? Die Beliebtheit von Schildkröten in ganz Asien hat sie über jahrtausende vor dem Töten bzw. gegessen werden durch die Menschen geschützt – mit einer Ausnahme: Den Meeresschildkröten, weil sie näm-lich durch ihr Aussehen (mit Flossen), ihrem Namen und einem völlig anderen Leben nach, als Tiere einer ganz anderen Gattung betrachtet worden sind.

Keinem Tier in der Welt werden so viele unterschiedliche, positive Eigenschaften zu-gesprochen und Legenden angedichtet, wie den Schildkröten. Die Redensarten vom schlauen Fuchs oder der falschen Schlange wirken vergleichsweise kümmerlich da-gegen. In Japan verkörpern Schildkröten seit mehreren Jahrhunderten Treue, Zuver-lässigkeit und langes Leben. Das geht auf eine bekannte, mittelalterliche Legende zurück. Ihr zufolge zog ein Samurai für seinen König in den Krieg. Viel Geld und wichtige Dokumente packte er in eine Schatulle und setzte seine Schildkröte als Wächter darauf, bis er eines Tages zurückkehren würde. Aber er fiel als treuer Die-ner seines Königs. Erst Jahre später durchsuchten seine Enkel seine Hinterlassen-schaften und fanden die Schatulle, auf der noch immer die Schildkröte saß – aber ihr war inzwischen ein langer Bart hinten aus dem Panzer gewachsen, als Beweis für ih-re Treue und Zuverlässigkeit.

Die Symbolwirkung dieser Legende bis heute ist geradezu phänomenal: In Japan gibt es kaum einen Andenkenladen, in dem nicht eine Schildkröte mit Bart angeboten wird, und manchmal auch noch mit einem Reiter darauf! Früher gab es kaum ein Manager-Büro in Japan, in dem nicht irgendwo eine Abbildung oder Figur der Schild-kröte mit dem Bart zu sehen war: Entweder als devotes Geschenk oder als Vorbild (und vielleicht eine Art Selbstdarstellung?)!

Nicht nur in Japan, sondern auch in Teilen Chinas, kennt man eine mythologische (also nicht einer bestimmten Religion zugehörige) Gottheit namens Fokurokuju, die eine stark überhöhte Stirn hat, weil sie u. a. Weisheit verkörpert. Sie wurde zunächst immer mit einem Kranich und einer Schildkröte zusammen dargestellt bzw. abgebil-det. Dann kam ein Künstler auf die Idee, dem Mann mit der hohen Stirn einen Schildkröten-Rücken zu geben. Er sah nun von vorn wie ein Weiser aus, und wenn man ihn auf den Bauch legte, wie eine hübsche Schildkröte. Diese originelle Figur, z. B. aus Elfenbein als Netsuke, trug ebenfalls zur Berühmtheit der Schildkröte bei.

Symbolhafte Figuren oder Bilder spielen in ganz Asien eine sehr viel größere Rolle als bei uns. Jeder weiß, was sie ausdrücken und bedeuten, wenn man sie auch nur wortlos verschenkt. So ersetzt man z. B. in China gern die berühmte Frage „Willst Du meine Frau wer- den?“, in dem man seiner Erwählten wortlos ein kleines Kästchen mit durchsichtigem Deckel in die Hand drückt. Darin befindet sich ein Paar zumeist goldener, kleiner Schildkröten befestigt. (In diesem Falle natürlich ohne Bart.) Die symbolische Aussa-ge bzw. Frage ist jeder Chinesin klar und verlangt eine Antwort.

Ein ganz anderes Beispiel: Das Schildkröten-Schiff der Koreaner ist in allen Details historisch belegt und berühmt. Dabei handelt es sich um die wundersame Befreiung Koreas von den Japanern im 16. Jahrhundert – noch heute ein wichtiger Nationalfei-ertag dort!

Der koreanische Nationalheld, Admiral Yi, hatte insgeheim eine kleine Flotte von Kriegsschiffen bauen lassen, die speziell zum Kampf gegen die übermächtigen japa-nischen Besatzungsschiffe konstruiert worden waren und wie riesige Schildkröten aussahen. An Stelle eines begehbaren Decks hatten sie einen halbrunden, mit scharfen Spießen übersäten Panzer, den man praktisch weder entern (!) noch schadhaft beschießen konnte. Darunter befanden sich ein Kanonendeck und zwei Decks für die Ruderer. Der Bug bestand aus einem langen Hals mit Kopf für den Ausguck und das Ganze ging in die Geschichte der Seefahrt als Turtle-Ship ein. Mit solchen ungewöhnlichen koreanischen Kriegsschiffen wurde eine mehrfach größere japanische Flotte 1592 vernichtend geschlagen und in der Folge das Land wieder be-freit.

Die Naturvölker Asiens, z. B. in Laos, verehren die Schildkröte, weil sie gut gepan-zert und ausgesprochen widerstandsfähig und langlebig ist. Die Menschen wollen ebenso sein und bilden sie figürlich nach, um ihnen einen besonderen Platz im Hau-se zuzuweisen. In manchen Fällen setzen sie noch eine Geweihhälfte des Berg-hirschs in den Rückenpanzer einer Schildkröten-Figur, um die Schnelligkeit und die Waffe dieses Tieres den Eigenschaften der Schildkröte hinzuzufügen. So verkörperte man alles, was man für sich und seine Familie wünschte in einem Phantasie-Gebilde und setzte es neben Buddha auf den Hausaltar.

In Portugal bezeichnet man Menschen, die sich überall zu Recht finden (auf dem Lande und im Wasser) keine unüberlegten Schritte tun und dennoch schnell reagie-ren als Cágado, zu Deutsch: Süßwasser-„Schildkröte“. Wer diesen Spitznamen be-kommt, kann stolz sein!

Außer den Meeresschildkröten existieren heute nur noch ganz wenige, deren Fleisch essbar ist. Unter ihnen ist die nur noch in Zentral-Südamerika anzutreffende Mata mata, die bis zu einem halben Meter groß werden kann und in Wildbächen lebt. Sie gilt seit Jahrhunderten als Delikatesse und „kinderfördernd“ bei jungvermählten Indi-anern. Deshalb fängt man sie bei Geburt einer Tochter und bohrt ein Loch in den Rand des Rückenpanzers, um sie mit einem Seil an einem Pfahl befestigt wieder in den Bach auszusetzen, bis die Tochter heiratet. Nach dem Verzehr von ihnen wer-den die Panzerschalen mit dem vernarbten Loch auf bewahrt – oder zu hohen Prei-sen in Andenkengeschäften an Touristen verkauft.

Bei den Indianern in Venezuela sind Schildkröten aus Teig als Grabbeilage üblich. Aber die essbaren Landschildkröten hat der westliche Mensch dann im Mittelalter und besonders als Schiffsproviant fast gänzlich ausgerottet. Zu Zeiten der alten See-fahrer und Entdecker der Welt (Vasco da Gama, James Cook, Marco Polo usw.) war die Mangelerkrankung Skorbut die größte Geisel der Seeleute. Bis ins 17. Jahrhun-dert hinein ging man davon aus, dass sie primär aus Mangel an Frischfleisch ent-stände. (Erst später entdeckten Ärzte, dass es Vitamin-C Mangel ist.)

Da sich Geflügel, Schweine oder andere essbare Tiere aber nicht länger als etwa 2-3 Wochen lebend auf einem Segelschiff halten ließen und keine Kühlschränke existier-ten, war man nach kurzen Experimenten auf eine praktische, aber Tiere quälende Idee gekommen: Man staute große Landschildkröten Panzer auf Panzer übereinan-der im Kielraum der Segelschiffe als Frischfleisch-Proviant. Dank ihrer Konstitution und Genügsamkeit überlebten die Tie-re dort viele Monate, wenn man sie nur ab und zu mit Wasser übergoss! Noch zu Beginn der Neuzeit führten Fernsegler und Kriegsschiffe immer eine „Eiserne Ration“ von Schildkröten mit. Auf den alten Sklaven-Transporten war frisches Schildkröten-fleisch eine Delikatesse im Vergleich zu Zwieback mit schlecht Gepökeltem.

So haben zwar bestimmte, essbare Landschildkröten-Arten wesentlich zu einer frü-hen Entdeckung der neuen Welt beigetragen. Sie wurden dadurch aber zu einem Gewinn bringenden Nahrungsmittel – und bis auf wenige Rest-Exemplare auf den früheren Piraten-Inselgruppen der Galapagos- und Seychellen-Inseln in freier Wild-bahn ausgerottet!

Eine teils mythische teils nur dekorative Anwendung von präparierten Schildkröten-panzern oder Nachbildungen findet man bei allen Naturvölkern der Welt: Die Tanz-maske! Dazu werden die Rückenschalen von Schildkrötenpanzern die etwa die Grö-ße eines Menschengesichts haben, für die Augen, den Mund und manchmal noch die Nase schlitzartig ausgesägt und, z. B. mit Silberplatten oder Federn dekoriert, als Maske an der Stirn befestigt.

Autor: Joachim Woerner, Laboe
(Wer Interesse an figürlichen Schildkröten aller Art hat:
jowoe@t-online.de)

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